Bild des Stadtmuseeums

Ernst Feder und Hugo Preuß

Ausschnitte aus Ernst Feders Rede zum 65. Geburtstag Hugo Preuß

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MIT DEM LEBEN; DAS IN DER NACHT VOM ACHTEN

Zum neunten Oktober erlosch; ist der deutschen

Nation ein wertvoller Besitz genommen. Hugo Preuß hat

noch kurze Zeit vor seinem Tode mit Freunden über das

Wort Goethes gescherzt: "Wenn ich ein Leben lang an

mir gearbeitet habe, dann hat die Natur nicht das Recht,

mir mit einer Hand voll Erde den Mund zu stopfen." Sie

hat sich das Recht genommen. Der beredte Mund ist ver-

stummt. Er, dessen Stimme so oft vor uns erklang, wird

nicht mehr zu uns reden. Aber uns ziemt es, auf das zu

hören, was seine Arbeit, sein Werk, sein Leben uns sagt.

In gerader Linie verlief ihm Leben wie Werk, in einer

Einfachheit, deren Geheimnis in dem Polonius-Wort be-

schlossen liegt:

  

Dies über alles: sei Dir selber treu

Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage-

Du kannst nicht falsch sein gegen irgend wen.

 

Sein Leben gehörte der Wissenschaft und der Politik, nicht

Als zwei Lebenswelten, die er abwechselnd beschritt,

sondern als zwei Ausdrucksformen derselben Tätigkeit,

von denen die eine die andere ergänzte und bestätigte.

Seine Entwicklung ist ganz mit Berlin verknüpft. In Ber-

lin geboren, hat er in Berlin und in Heidelberg die Rechts-

Und Staatswissenschaften studiert, als Referendar prak-

Tisch gearbeitet und sich als Privatdozent für Staatsrecht

An der Universität Berlin habilitiert, wo er mit Eck, mit

Otto von Gierke, mit Franz von Liszt in wissenschaftli-

 

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chen und geselligen Umgang trat. Einen höheren Univer-

sitätsgrad als den des Privatdozenten hat er nicht erreicht.

Berlin gab ihm keinen Lehrstuhl und von keiner anderen

deutschen Universität erging an ihn ein Ruf. Die einzige

Auszeichnung, die ihm die Berliner Universität verlieh,

war ein disziplinarischer Verweis. Nicht wegen seiner aka-

demischen Tätigkeit, sondern wegen seiner Rede im Stadt-

parlament.

Eine scharfe Polemik gegen eine verfassungswidrige Schul-

Praxis des Unterrichtsministers hatte er mit Worten

Geschlossen:  " Der Herr Minister hat´s gegeben, der Herr

Minister hat´s genommen, der Herr des Ministers

Sei gelobt." In allerhöchsten Kreisen erregte diese Bemer-

kung des jungen Stadtverordneten Ärgernis, weil sie dem

biblischen Ausruf des frommen Hiob nachgebildet war.

Zum Geburtstag der Kaiserin Auguste Viktoria hatte die Ber-

liner Stadtverordnetenversammlung, wie üblich, gratuliert.

Die Antwort des Hofmarschalls Grafen Mirbach sprach

Den Dank der Kaiserin aus, aber zugleich den Unwillen,

dass in der Stadtverordnetenversammlung Äußerungen ge-

tan werden, die das religiöse Gefühl verletzen geeig-

net sind. Das Stadtparlament ging über diese Einmischung

einer in keiner Verfassung vorgesehenen Instanz zur Ta-

gesordnung über. Für Preuß hatte der Vorfall ein akade-

misches Nachspiel.

Auf Anregung des Ministerialdirektors Althoff wurde ein

Disziplinarverfahren gegen ihn anhängig gemacht. Der

Unterrichtsminister vernahm ihn zu Protokoll. Preuß stell-

 

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te zunächst fest, dass ihm selbstverständlich eine Verlet-

zung religiöser Gefühle vollkommen ferngelegen habe.

Dann wies er nach, dass die Anwendung biblischer Aus-

sprüche auf profane Dinge etwas Alltägliches ist. Von

einigen Kollegen der historischen und der theologischen

Fakultät unterstützt, wartete er mit einer langen Liste,

ähnlicher Worte hoher Geistlicher auf, und er krönte die-

sen Zitatenschatz mit einem Ausspruch des obersten Herrn

der Landeskirche, Wilhelms II., der damals gesagt hatte:

" Wer nur auf Gott vertraut und feste um sich haut, hat

Nicht auf Sand gebaut."

Der Universitätsrichter schlug die Hände über dem Kopf

zusammen:  "Und das wollen Sie alles zu Protokoll ge-

ben ?" Man einigte sich. Die Protokollierung unterblieb.

Der Angeklagte bekam dann eines Tages einen freund-

lichen Brief seines Lehrers Professor Eck, der als Mensch

wie als Jurist gleich ausgezeichnten Dekans der juristi-

schen Fakultät. Darin stand etwa:  " Lieber Kollege, da

Sie morgen Nachmittag von drei bis vier Ihre Vorlesung

halten, haben Sie vielleicht die Freundlichkeit, nachher auf

Mein Zimmer zu kommen." Pünktlich erschien Preuß und

nahm seine Strafe entgegen: " Wir haben gegen Sie auf ei-

nen Verweis erkannt. Ich erteile ich Ihnen hiermit.“ Und

lange noch war dies Strafverfahren ein Gegenstand fröhli-

cher Scherze in den Dozentenzimmern der Universität.

Aber Privatdozent ist Preuß geblieben, und zum Winter-

semester 1925 auf 1926 hatte der Fünfundsechzigjährige,

der nunmehr sechsunddreißig Jahre lang als Privatdozent

 

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Dem Lehrkörper der Universität angehörte, eine einstün-

dige Vorlesung über die Grundlinien der Weimarer Ver-

fassung angekündigt. Der Tod hat ihn abberufen und hat

damit der Preußischen Unterrichtsverwaltung und dem

deutschen Volke ein beschämendes Schauspiel erspart.

Als Lehrer war auch der Privatdozent gesucht und ge-

Schätzt. Erst die Berliner Handelshochschule gab ihm ei-

ne Professur. Hier hielt er am 27. Januar 1917, zum Ge-

burtstag des Kaisers, die Festrede, eine wohl einzig da-

stehende Kaisergeburtstagsrede, die von dem deutschen

Volk und seinen nationalen Forderungen an das Kaiser-

tum sehr viel, von dem Kaiser sehr wenig sprach, und die

mit den Worten schloß: "Das Selbstbewusstsein eines ein-

heitlichen Staatsvolkes klingt in dem Rufe : Es lebeder

Kaiser!" Dann zum Rektor der Handelshochschule ge-

wählt, hielt er im Oktober 1918, schon mitten im Zu-

sammenbruch, seine Antrittsrede über „Nationalen Ge-

gensatz und internationale Gemeinschaft", in der wi-

ssenschaftlichen Durchleuchtung des Stoffes mit der leiden-

schaftlichen Anteilnahme an der politischen Gegenwart

eine fruchtbare Verbindung eingegangen ist.

 

Autor/Kurator:
Dipl.rer.pol. Sylk Schneider 
Tel.: (0 36 43) 82 60 38
E-Mail: sylk.schneider@stadtweimar.de