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Stadtmuseum : Service : Museumsladen : Rezensionen Nennen sie mich einfach Prinz

OTZ vom 03.04.2011

Heinz Stade in der TA vom 11. März 2011

 

Ein neues Buch über Harry Domela

Das Leben des in den 1920er Jahren Furore ma-chenden falschen Prinzen hat dieser als Harry Domela sitzend im Gefängnis selbst aufgeschrieben. Das damals Rekordauflagen erzielende Buch wurde in ein halbes Dutzend Sprachen übersetzt, Domelas Leben mehrfach zuletzt 1965 verfilmt.

Eigentlich sollte damit alles über den 1904 oder 1905 geborenen Deutschbalten Harry Domela gesagt, geschrieben, bekannt sein. Doch der Weimarer Jens Kirsten, der zuletzt ein Buch zur Geschichte des Weimarer Knabe Verlages verfasst hat, sich-tete bisher noch nicht herangezogene Quellen, interviewte mit der Schriftstellerin und einstigen Lehrerin Gudrun Pausewang eine Frau, die eine berufliche Zeit mit Domela verbracht hatte.

Es gelingt Kirsten so das Porträt eines Mannes, der gewiss nicht zum Lakaien geboren war, seine Zeit und Gesellschaft durchschaute und den in ihr vorherrschenden Untertanengeist schließlich aufs Feinste für sich nutzbar zu machen wusste. Klar wird nach der Lektüre, dass zu kurz greift, wer Domela auf den perfekten Hochstapler reduziert. Die Geschichte des Mannes, der sich, ob gewisser Ähnlichkeiten und weil Zufälle es ermöglichten, 1926 u. a. in Heidelberg, Berlin, Potsdam, Erfurt, Weimar und Gotha als Prinz Wilhelm von Preußen ausgab, ist um einiges komplizierter.

"Interessant sind die vielfältigen Elemente, die sich in seiner Biografie zu einem Lebensbild der Weimarer Republik verdichten", das exemplarisch fürs Ganze steht, resümiert Kirsten. Als zehnjähriger Waise lernte er die Hölle einer Jugenderziehungsanstalt kennen. Hier, so schlussfolgert der Autor, wurde bereits eine Lebensspur gelegt: alleingelassen, auf sich allein gestellt, musste er seinen Anteil am Leben der Welt abtrotzen.

Doch der Weg führte nicht geradewegs zum Schelm. Mit seiner Hände Arbeit versuchte er, ein Ausländer ohne Pass, in Deutschland durchzukommen. Klappte dies mal, dann war es meist nicht von langer Dauer. Außer dem mehrmaligen Konflikt mit den herrschenden Gesetzen war das kein von Kontinuität geprägtes Leben. Auch die Reichswehr, wo er Korpsgeist kennen und das Gefühl Geld zu haben schätzen lernte und genoss, brachte keine Ruhe in sein Leben. Allein der Überlebensinstinkt ließ ihn immer wieder aufstehen.

Heidelberg brachte schließlich den "Prinzen" zur Welt, der Deutschland monatelang narrte und der dafür in Thüringen beste Bedingungen vorfand. Der einzige Prinzen-Tag in Weimar Dank des Auftretens von Hofbäckermeister Arno Schmidt und 35 Flaschen Sekt ein "ganz besonderer" nimmt im Buch naturgemäß viel Platz ein. Aber Kirsten geht weit über Weimar hinaus, verfolgt den weiteren Lebensweg des "entthronten" Prinzen: Flucht vor den Nationalsozialisten, spanischer Bürgerkrieg, schließlich Exil in Südamerika bis ans Lebensende.

Jens Kirstens Schlusssatz, wonach im Vergleich zu seinem "Prinzengastspiel" Domelas weiteres Leben weitaus spannender sei und ein literarisches Potenzial in sich berge, "das es auszuloten gilt", klingt wie ein Versprechen auf Fortsetzung.

In dieser Qualität nur zu!

Jens Kirsten: "Nennen Sie mich einfach Prinz"; Weimarer Schriften Heft 65 (ISBN 978-3-910055-47- 5); 6,90 Euro.